KONAMI’s Faxgerät und der Deadline Day


Stellt euch vor, es ist der 17. September 2015 – Pro Evolution Soccer 2016 ist da, ihr habt euch den Freitag freigenommen und eure Freunde zu einer Einweihungs-Zocksession eingeladen. Ihr startet das Spiel und als euer Kumpel (in kompletter Bayernmontur gekleidet) seinen heißgeliebten FC Bayern München bei „Weitere Mannschaften Europas“ gefunden hat (O-Ton: „Wie, keine Bundesliga?“), öffnet ihr vor dem Spiel das Taktikmenü.

Ein Tobsuchtsanfall, der seinen Kopf auf die Farbe des Bayerntrikot erröten lässt, macht euch bewusst, dass irgendetwas mit dem Spiel nicht stimmt. Was ist los? Haben sie Robben statt eines 92er Overalls versehentlich eine 29 verpasst?
Nein, es kommt schlimmer. Es gibt keinen DayOne Patch für PES 2016. Na und? Das haben wir doch früher auch nicht gebraucht. Korrekt. Früher war es nicht nötig, direkt am Erscheinungstag eines Spiels einen mehrere Gigabyte verschlingenden Patch zu downloaden. Heute ist es irgendwie normal. Es hat nicht nur Nachteile, dass es DayOne Patches gibt. Die Entwickler geben die Spiele am Tag X zur Pressung auf die Blu-ray Discs frei, von dort an gab es früher kein Zurück mehr – das Spiel ging genau so in den Handel. Heute haben die Entwickler noch ein wenig Zeit, ihr Spiel vor Release auf Hochglanz zu polieren und per Patch vielleicht noch letzte Änderungen nachzureichen.

Zurück ins Wohnzimmer. Nein, Arjen Robben ist im Spiel – mit einer Gesamtstärke von 92. Was aber schwerer wirkt ist der schnaufende Kommentar vom Bayern Fan „Wo ist Vidal? Wo ist Coman? WARUM spielt Schweinsteiger noch bei mir!“. Oh oh. KONAMI hat doch nicht etwa – doch, sie haben. Sie haben keine Sommertransfers im Spiel integriert. Das merkt man spätestens dann, wenn man nach „Aktuellen Kadern“ sucht und „Aktuelle Kader bereits installiert“ als Antwort von der Konsole bekommt. Aktuell – achso.

Viele Fans fragen sich von Jahr zu Jahr: Lohnt sich ein Kauf der neuen Version? Oder zahle ich für ein teures Kaderupdate mit minimalen Änderungen wieder einen Vollpreis?

Bei PES 2016 zahlt man auch sechs Wochen nach Release für Gameplayänderungen und einige Spielmodiänderungen – ohne aktuelle Kader. Womit wir wieder beim Thema Patch werden. Gameplaypatches hätten aus PES 2015 vielleicht auch das aktuelle PES 2016 machen können – ohne Vollpreisspiel. Es gab fairerweise aber grafisch auch einige Änderungen, die wohl nicht mit einem Patch möglich gewesen wären.

Ihr spielt also den Rest des Abends mit Nationalmannschaften, da kann man immerhin nicht soviel falsch machen. Oder wahlweise in der brasilianischen Liga (voll lizenziert), da kennt nämlich wohl kaum ein deutscher Fußballfan die aktuellen Kaderstrukturen. Spaß macht das Gameplay nämlich. Viel Spaß. Soviel Spaß, dass es traurig zu sehen ist, wie KONAMI mit dem Thema Transfers das gesamte Spiel herunterzieht, obwohl das Gameplay und die Spielmodi in diesem Jahr wirklich gut gelungen sind.

Am 1. Oktober erschien tatsächlich die Funktion der Live-Updates, welche ihr nun in Freundschaftsspielen und Onlinematches nutzen könnt, um reale Leistungen und Transfers der Spieler Ingame zu haben.

Für den 29.10., das ist heute, hat KONAMI angekündigt das Datapack 1 zu veröffentlichen, welches alle fehlenden Sommertransfers beinhaltet. Man kann also ganze 6 (!) Wochen nach Release endlich eine Meisterliga anfangen, ohne sämtliche Transfers von Hand im Spiel nachzupflegen. Nein, kann man nicht. Warum? Weil KONAMI es tatsächlich fertig bringt, nach einer sechswöchigen Frist für die aktuellen Kader in einem PES 2016 auch noch mehrere hundert Transfers zu „vergessen“. Anscheinend hat man alle Transfers, die am oder nach dem 31.08. stattgefunden haben einfach ausgelassen. Fußballfans wissen, der „Deadline Day“, also der Tag des Transferschlusses, ist einer der spannensten Tage im Sommer – hier sind schon die ein oder anderen Blockbustertransfers geschehen. Alleine in der Premier League fehlen laut PESGalaxy.com über 80 Transfers ab dem 31.08., in der italienischen Serie A sind es über 90. Streikende Faxgeräte haben schon für geplatzte Transfers gesorgt, hier platzt das Vertrauen einer ganzen Community in die Entwickler (oder Verantwortlichen für die Transfers) ihrer Fußballspielserie.

Für mich ist es eine Farce was KONAMI dort mit einem gameplaytechnisch so starken Spiel veranstaltet. Solch ein Verhalten gegenüber den zahlenden Kunden ist auch mit einem Tweet „Wir wissen von den Problem und schauen es uns an“ nicht mehr zu entschuldigen. Weiß man, dass man es innerhalb von 6 Wochen nicht schaffen kann, darf man so eine Aussage nicht tätigen. Auch nicht, um die Kunden zu besänftigen, die verständlicherweise verstimmt auf die nicht aktuellen Kader in einem Sportspiel aus dem Jahre 2015 reagieren.

Natürlich ist es für KONAMI gegen den Konkurrenten EA Sports mit all den Exklusivrechten nicht einfach den einfachen Fußballfan zu erreichen, der einfach mit seiner Bundesligamannschaft loszocken will. Aber grade wenn ich wenige Lizenzen im Angebot habe, muss die Umsetzung dieser im Spiel perfekt gelungen sein. Weniger ist mehr – wenn man aus dem vorhandenen Potential das Maximum herausholt. Das verpassst KONAMI leider in ganzer Linie bei Pro Evolution Soccer 2016.

Die Konkurrenz, FIFA 16 erschien in diesem Jahr übrigens am 24. September – eine Woche später, mit komplett aktuellen Kadern von Tag eins an. Wenn aktuelle Kader ein Gradmesser für ein Releasedatum wären, dann wäre Pro Evolution Soccer 2016 auch heute, am 29.10.2015 noch nicht erschienen. Natürlich verfällt ein Spiel ab dem Releasetag auch im Preis – zahlte man zu Release vermutlich 59€ für PES 2016, sind es heute mit Versand im Preisvergleich noch 39,90€ für die PlayStation 4 Version.
Vielleicht wollte man sich durch den verfrühten Starttermin eine Woche Vorsprung vor der Konkurrenz auch bei Testberichten sichern, diese kommen jetzt aber wie ein Bummerang zurück zu KONAMI. „Love the past – play the future“ lautet der Leitsatz für das 20 jährige Jubiläum der PES Serie. „Play the past – love the future“ ist leider KONAMI’s Marketingstrategie für Pro Evolution Soccer 2016.

Seit dieser Transferperiode muss man übrigens kein Fax mehr für einen Transfer verschicken – das geht nun Online. Bleibt zu hoffen, dass auch KONAMI in den kommenden Titeln Fortschritt in Sachen Transfers anstrebt.

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Marc

Seit Kindstagen ist die Begeisterung für Sportspiele auf allen möglichen Plattformen ungebrochen. Zusätzlich als Livereporter beim VfL Osnabrück unterwegs – 24/7 Fußballfan, dazu durch die Zusammenarbeit mit TomyHawkTV mit dem US-Sports-Fieber infiziert worden. Außerdem dem Blizzardimperium verfallen.

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