Vom Kimono zum Octagon


mma spiele
Als verstaubter Quoten-Querulant, der einmal im Monat von den anderen Athleten unter der Couch hervorgekramt wird, um hemmungslos der Nostalgie zu frönen, möchte ich mich heute an mein Lieblings-Thema „Martial Arts Games“ herannörgeln.

Auch wenn mein Dasein im Spalt zwischen den Couchpolstern manchmal den Blick verschleiert, bekomme ich einiges davon mit was auf den HD-3D-4K Bildschirmen meiner Kollegen vor sich geht. Ich sehe fein texturierte UFC-Kämpfer in lebensnahen Arenen zu (etwas hölzernen) Animationen umhertanzen, bin beeindruckt von Umfang, Kulisse und taktischem Tiefgang des aktuellen Titels und doch bricht es mir ein wenig das Herz. UFC-Games fühlen sich für mich einfach falsch an. Die Lizenz, das Setting, die mit dem Sport verbundenen Standards – es ist hervorragend umgesetzt, aber nicht meine Vorstellung von Martial Arts, wenngleich die einzige verbliebene Option für Kampfsport-Enthusiasten.

Vom Kimono…

Zugegeben – meine persönliche Vorstellung ist geprägt von fürchterlichem 80er Kitsch. Zwar war ich selbst auch mal ein kleiner Judoka, aber im großen und ganzen fußt mein Verständnis von fernöstlicher Kampfkunst auf Karate Kid, alten B-Movies aus Hongkong und der Filmografie von Jean-Claude Van Damme. Solche Erlebnisse suchte ich in Videogames und ich stieß auf primitive Arcade-Titel wie Kung Fu (NES), spaßige Dauerbrenner wie International Karate + (C64) oder auf ausgewachsene und bildhübsche Simulationen wie Budokan (Amiga). Keines dieser Spiele war annähernd so ausgereift wie heutige Bolliden der Milliarden-Industrie, aber jedes davon hatte seinen eigenen Charakter. Wer statt fairen Mann gegen Mann Duellen lieber als omnipotente Kampfmaschine die Straßen von Unrat säubern wollte, griff zu Titeln wie Double Dragon oder Final Fight. Ok – das war nicht mehr so ganz die freundliche asiatische Schule, aber irgendjemand muss sich ja um die bösen Jungs kümmern, oder? Auf jeden Fall lebten wir in einer Ära der Vielfalt und es gab mindestens genauso viele virtuelle Möglichkeiten Kicks und Punches zu schwingen wie Kanonen für Ballerfans.

mma spiele
Dann kam die große Ankündigung – der Arcade-Klopper Street Fighter II sollte für den noch jungen Super Nintendo erscheinen. Mann, war ich am sabbern! Blöd nur, dass kein SNES bei mir zuhause herumstand. Also musste die Amiga-Version her. Hätte ich gewusst, dass ausgerechnet dieser damalige Top-Titel die Vielfalt im Genre nachhaltig eindämmen sollte, wäre ich sicher nicht so glücklich damit geworden. Doch es kam wie es kommen musste – der Erfolg führte dazu, dass jeder Publisher sein eigenes Street Fighter haben wollte und die meisten alternativen Ansätze verschwanden Schritt für Schritt. Die zweite Garde dieser Spiele – Virtua Fighter, Tekken und co. – glänzte Mitte der 90er mit neuartigem Grafikstil, tollen Animationen und 3D-Gameplay, aber im Kern verließen sich auch diese Titel auf die erprobte Street Fighter Formel. Das war mir mit steigendem Fortschritt der technischen Möglichkeiten einfach nicht genug. Die Hardware konnte immer mehr leisten, aber irgendwie schienen immer nur Ballergames und Rennspiele vom Fortschritt zu profitieren. Freunde virtueller Keilereien spielten hingegen immer wieder die gleiche Formel der zu leerenden Balken vor kitschigen Hintergründen. Die fernöstlichen Dojos, die Kimonos, die Arenen, die Sporthallen, die Ringe und Matten blieben dem Liebhaber realistischen Kampfsports weitestgehend verwehrt. Die einzige Hoffnung waren Box- und vor allem Wrestlinggames. Gerade letztere begannen mit japanischen Titeln wie Touken Retsuden, oder später Wild Rings, wieder Tiefgang, Strategie und ein realistisches Setting zu bieten. Das war vielleicht nicht exakt das Karate Kid Setting, das ich an alten Games so liebte, aber es war immerhin ernstzunehmender Kampfsport statt effektvolles Gehüpfe von Bären und Robotern in irgendeiner Wiese.

mma spiele

…zum Octagon…

Mitte der 2000er wurde MMA zum Massenphänomen. Mir sagte die düstere, betont auf Aggression und Enthemmung setzende Ästhetik des Sports wenig zu. Zu viel Gewaltporno, zu wenig Kampfkunst. Und vor allem zu viel blutige Realität für meine Vorstellung von sich artig verbeugenden Schwarzgurt-Trägern, die sich mit Flic-Flacs, Kip-Ups und Flying Kicks vorm Sonnenuntergang beharken. Aber die 2009 von THQ gestartete UFC Undisputed Serie war als Videogame einfach viel zu gut, um sie zu ignorieren. Speziell Undisputed 3 war ein Traum von einer Kampfsport-Simulation. Schnelles, flüssiges Gameplay und dennoch große taktische Vielfalt. UFC-Setting oder wahlweise Turniere in der japanischen Pride-Arena austragen. Da konnte auch EA MMA nicht mithalten, wenngleich der Titel ein höheres Budget genossen haben sollte. UFC Undisputed 3 war als Spiel DIE Rettung für Kampfsport-Enthusiasten. Mir schmerzte nur nach wie vor der Bauch hinsichtlich der MMA-Ästhetik. Zumal das unvermeidliche Bodengerangel nicht nur ein ästhetischer (und meiner Meinung nach moralischer) Tabubruch ist, sondern auch ein Downer im Gameplay. Es macht mir einfach keinen Spaß nach einem schönen Stand-Up Fight auf dem Boden zu landen und minutenlang das zähe Geringe, Gekloppe und Gezerre simulieren zu müssen. Spätestens an diesem Punkt schmerzt es mich keine virtuelle Alternative zu diesem Sport geboten zu bekommen. Gerne würde ich mal ein Teakwondo-Spiel von gleicher Qualität geboten bekommen. Oder ein Karate-Game, das in Ablauf und Ästhetik Martial Arts Filmen ähnelt. Sleeping Dogs war diesbezüglich ein Ansatz, spielte sich in den Fights für meinen Geschmack aber zu sehr von selbst und löste sich zu wenig von GTA.

mma spiele

…und zurück?

Ich gehöre ja nicht zu denjenigen, die große Hoffnungen in die Indie-Szene investieren. Zu dilettantisch ist mir die Vielzahl der Titel und zu sehr ähneln sich Konzepte und Ästhetik der Outputs vermeintlicher Individualisten. Wenn man heutzutage aber einen halbwegs realistischen Wunsch abseits der Norm hegen möchte, bleibt einem nicht viel übrig als darauf zu setzen, dass irgendwo da draußen ein paar Entwickler umherhüpfen, welche die gleichen Gedankengänge haben wie man selbst und sich der Umsetzung einer solchen Vision annehmen. Deshalb, liebe Pixel- und Polygon-Künstler – wenn ihr das hier lest und ebenfalls von Mr. Miyagi, Jackie Chan und co. sozialisiert wurdet – gebt euch einen Ruck und schenkt der Welt mehr Alternativen zu einseitigen Lizenzkloppereien und Arcade-Game. Meine unendliche Dankbarkeit ist euch gewiss.

Share this post

David

Seit Brutal Sports Football & Budokan vor allem Fan von brachialem Pixelsport. Ist deshalb heutzutage Experte für WWE-Games und hat seiner Leidenschaft mit "Round 1 Fight: Die Beat 'em Up Story" ein ganzes Buch gewidmet. David hat zudem eine Vorliebe für den virtuellen Rasenkick und hat von Sensible Soccer bis PES die ganze Fußball-Palette miterlebt. Der passionierte Handheld-Gamer ist stets bis auf die Zähne mit mobilen Devices bewaffnet und freut sich schon auf das SMACH Zero. Twitter @davidtimsit

No comments

Add yours